Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass in den Alpen gerade am Wochenende großer Andrang herrscht. Wanderwege, auf denen man gar nicht mehr grüßt, weil man sonst alle 2 Meter „Salve“, „Grüß Gott“ oder „Hallo“ sagen müsste. Volle Hütten zur Mittagszeit, ausgebuchte Hütten nachts, bei denen ohne Reservierung nichts (mehr) geht. Eine Entwicklung, die nicht nur ich furchtbar finde.

Spannenderweise ist das aber nur ein punktuelles Phänomen. Denn es gibt sie noch, die einsamen Ecken in den Alpen, und zwar auch in den „Kernländern“ wie Italien. Bestes Beispiel: letztes Wochenende.

Zugegeben, das Wetter war nicht sehr gut vorausgesagt für Samstag. Ich wollte das Wochenende in den karnischen Alpen verbringen. Ich war sowieso schon in der Ecke, und es war DIE Gelegenheit, die erste Hüttentour des Jahres zu machen. Die Rifugio de Gasperi wollte auch schon am 1. Juni öffnen – also hin da!

Als ich in Sappada aus dem Bus steige, tröpfelt es. Ich ziehe die Regensachen an, aber eigentlich lohnt es nicht richtig. Es bleibt rau, aber nicht nass – wenigstens von oben nicht. Dafür sind die Bäche und Flüsse bis an den Rand gefüllt. Dank starken Regens, der die zwei Tage zuvor das Gebiet mit viel Wasser und etwas Schnee versorgt hat.

Es dauert auch nicht lange, da scheint das Weiterwandern fast unmöglich zu werden: der Bach, den man sonst ziemlich entspannt mit ein paar großen Schritten überqueren kann, ist tief und schnell. Flussauf- und -abwärts gibt es keine gute Furt. Also: Schuhe aus, durchwaten und Kneipp-Einlage genießen ;). Spätestens da wird mir klar: Heute kommt von hinten kein Wanderer mehr. Und das bewahrheitet sich: Den Weg zum Passo Oberenghe mache ich ganz alleine. Ganz oben habe ich auch noch ein paar kleinere Schneefelder am Nordhang.

Dafür klart der Himmel allmählich auf, als ich am Südhang absteige und Richtung Rifugio wandere. Und immer noch: keine Menschenseele in Sicht. Die treffe ich erst 2,5 Stunden später am Rifugio de Gasperi. Aber außer dem Team, das dabei ist, die Hütte zu öffnen, ist keine Menschenseele zu sehen.

Auf Nachfrage erfahre ich, dass ich heute abend der einzige Gast bin – eine Familie, die sich angesagt hatte, hat kurzfristig wegen des durchwachsenen Wetters storniert. So werde ich ans Feuer gesetzt, bekomme ein Riesenstück selbstgebackene Torte und gaaaanz viel Tee. Gut so, denn die Schlafräume sind eisig kalt, und eine Dusche gibt es auch (noch) nicht. Der Boiler hängt schon – es fehlen aber noch die Anschlüsse.

Das Abendessen ist reichlich, einfach und gut, und schweren Herzens bewege ich mich vom warmen Kamin weg in das kalte Zimmer zum Schlafen. Mit 3 Wolldecken übereinander wird es dann doch kuschelig warm.

Am nächsten Tag: Das schlechte Wetter ist wie weggewischt. Klarer Himmel und viel Sonne. Da für später etwas Regen angesagt ist, zögere ich nicht lange und mache mich wieder auf den Weg. Und was soll ich sagen: wieder begegnet mir niemand.

Sonntag, schönstes Wanderwetter, beste Verhältnisse… Und: keiner da. Vielleicht lag es an der gemischten Wettervorhersage. Vielleicht aber auch daran, dass die Gegend rund um Sappada eher unbekannt ist – und auch nicht bekannt ist, dass dort auch deutsch gesprochen wird.

P.S.: Wir sind ja sozusagen auf „einsame“ Touren spezialisiert

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